Die Gestaltung einer nachhaltigen tierärztlichen Praxis bringt Team-Purpose, Kundennutzen, höhere Gewinne und eine bessere Zukunft für die Tiergesundheit.

Tierärztliche Praxen auf der ganzen Welt wollen zunehmend nachhaltiger werden, da ihre Communities auf die eskalierenden Auswirkungen des Klimawandels reagieren und entsprechend handeln (1). Die größte langfristige Bedrohung für die Gesundheit aller Tiere in der Zukunft ist der Klimawandel (2), und da es die Kernaufgabe tierärztlicher Praxen ist, sich für eine bessere Tiergesundheit einzusetzen, sollten Maßnahmen gegen den Klimawandel ein wesentlicher Bestandteil ihres Angebotes sein. Der größte Teil dieses Artikels befasst sich mit den Vorteilen ökologisch nachhaltiger Veränderungen, die in jeder bestehenden tierärztlichen Praxis umgesetzt werden können. Der letzte Abschnitt geht kurz auf die erheblichen zusätzlichen Möglichkeiten ein, die sich durch Neubau, Umbau und Renovierung tierärztlicher Praxen ergeben. Letztlich bieten gute nachhaltige Prozesse und eine durchdachte Gebäudeplanung erhebliche Möglichkeiten für eine Verbesserung von Team-Purpose, Kundennutzen und Rentabilität tierärztlicher Praxen. Team-Purpose beschreibt den Sinn und Zweck der gemeinsamen Arbeit und fördert Motivation, Freude und Produktivität.
Das Wort „Nachhaltigkeit“ wird heute in vielen verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Wichtig ist daher insbesondere eine präzise Definition des Begriffes ökologische Nachhaltigkeit. Nach Definition der UNO bedeutet Nachhaltigkeit oder nachhaltige Entwicklung „eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Möglichkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen”*. Dies lässt sich in eine praktische arbeitsbezogene Definition übersetzen, der zufolge es bei Nachhaltigkeit darum geht, „keine Abfälle in der Luft, im Boden oder in den Gewässern zu erzeugen, die Auswirkungen auf künftige Generationen haben“. Die Emission von Treibhausgasen – gleichbedeutend mit Kohlenstoffabfall – treibt den Klimawandel voran, so dass sämtliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels letztlich auf eine Verringerung der Kohlenstoffemissionen abzielen müssen.
* https://www.un.org/en/academic-impact/sustainability
Bei der Implementierung von Nachhaltigkeitsprogrammen in der tierärztlichen Praxis müssen zunächst sämtliche Arten von Abfällen erfasst und analysiert werden. Meist sind Praxisteams dann entsetzt über die großen Mengen an in der Praxis anfallendem physischem medizinischem Abfall, vielen Mitarbeiter*innen ist aber gar nicht bewusst, dass die Kohlenstoffemissionen (CO2-Emissionen) tatsächlich den größten Anteil des in einer tierärztlichen Praxis anfallenden Abfalls darstellen. So stellte beispielsweise die Praxis des Autors (Kleintierpraxis mit 6 Tierärzt*innen) in ihrer CO2-Bilanz für das Jahr 2023 (Abbildung 1) fest, dass sie etwa 2,5 Tonnen physischen Deponieabfall und 90 Tonnen CO2-Äquivalente erzeugte (3).

Tierärztliche Praxen sind eine vertrauenswürdige und einflussreiche Stimme in der Community und können erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen, indem sie eine breite Unterstützung für Maßnahmen gegen den Klimawandel aufbauen. Dies kann auf zwei Hauptwegen erfolgen:
Aus praktischer Sicht beinhaltet Nachhaltigkeit in erster Linie die Reduzierung von Abfällen. Nahezu alle in einer Tierarztpraxis anfallenden Abfälle haben einen Kohlenstoff-Emissionswert (CO2-Emissionfaktor), der zur Messung und zur Priorisierung von Abfallreduzierung im Hinblick auf ein langfristiges Ziel herangezogen werden kann. Diese Zielsetzung kann in einer konkreten Net-Zero-Strategie (Netto-Null-Strategie) formuliert werden. Dabei handelt es sich um einen Plan für eine strukturierte Herangehensweise, die die notwendige Emissionsreduzierung für eine Verlangsamung des Fortschreitens des Klimawandels vorgibt. Die wichtigsten Komponenten einer Net-Zero-Strategie sind:
Jeremy Watson
Wie bereits erwähnt, ist die Überprüfung der Systeme, die zu Emissionen in einer Praxis führen, ein wichtiger Prozess im Rahmen einer Net-Zero-Strategie. Eine gute Systemüberprüfung bringt oft unmittelbare betriebliche und finanzielle Vorteile mit sich, weil verbesserte Prozesse sofort erkennbar sind. Dies war auch eine häufige Erfahrung während der jüngsten COVID-Pandemie, die eine Überprüfung vieler bestehender Systeme erzwang. Dabei wurde deutlich, dass es in vielen Bereichen bessere Wege gab, die Dinge zu tun. Erwähnenswert ist, dass viele dieser Veränderungen, wie zum Beispiel Online-Meetings und Homeoffice, auch nach dem Abklingen der Pandemie beibehalten wurden. Eine gut implementierte Net-Zero-Strategie kann zahlreiche Vorteile haben:
Erfolgreiche Praxisteams haben eine klare Motivation und sehen einen klaren Zweck in ihrer Arbeit, der über das reine Interesse an der monetären Entlohnung hinausgeht. Das Engagement für unseren Planeten und für die künftige Gesundheit aller Tiere erweist sich dabei als wertvolle Ergänzung der in tierärztlichen Teams bereits bestehenden „Culture of Care“.
Für mehr als 40 % der Menschen aus der Generation Z und der Generation der Millennials ist die Umweltfreundlichkeit eines Unternehmens ein wichtiger Aspekt, wenn sie eine Bewerbung in Betracht ziehen (6).
Länder auf der ganzen Welt führen Verpflichtungen zur Klimaberichterstattung ein, um die nationalen Net-Zero-Ambitionen zu ergänzen. Viele größere tierärztliche Praxen oder Praxisketten werden solche gesetzlichen Anforderungen erfüllen müssen. Eine Net-Zero-Strategie bietet tierärztlichen Praxen die Chance, aus den Daten der Klimaberichterstattung neue Möglichkeiten zu entwickeln.
Ein bedeutender Teil des Kundenstamms einer tierärztlichen Praxis wird eine nachhaltigere Praxisstrategie positiv bewerten, und Studien im Bereich Tiermedizin zeigen, dass Tierhalter*innen bereit sind, für nachhaltige Dienstleistungen mehr zu bezahlen (1).

Wie also kann eine tierärztliche Praxis damit beginnen, auf Net Zero hinzuarbeiten? Hierbei sind fünf wichtige Punkte zu beachten:
Eine erfolgreiche Net-Zero-Strategie beginnt mit einem ernstgemeinten und überzeugenden Engagement des Managements (7). Vorstandsmitglieder*innen, Praxisinhaber*innen und Manager*innen müssen die Strategie verstehen und annehmen und sie dann mit bestehenden Geschäftsstrategien (wie Finanzpläne, medizinische Standards, Personalbeschaffung, Teammotivation und Marketing) in Einklang bringen. So besteht beispielsweise die Gefahr eines Motivationsverlustes beim Praxisteam, wenn eine Reduzierung des Einsatzes von Anästhesiegasen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der medizinischen Standards erwartet wird, dies aber nicht mit entsprechenden Schulungen oder erforderlichem Equipment unterstützt wird.
Das „Warum“ beschreibt den grundlegenden Zweck einer Net-Zero-Strategie. Dabei ist entscheidend, dass das Management die Praxismitarbeiter*innen darüber aufklärt, warum Klimamaßnahmen für die Zukunft der Tiergesundheit wichtig sind, und warum dieser Plan mit dem bestehenden Engagement der Praxis für eine bessere Tiergesundheit in Einklang steht. Die Erläuterung der Gründe für die Einführung einer Net-Zero-Strategie kann im Rahmen bestehender praxisinterner Schulungen und über verschiedene Kommunikationskanäle wie zum Beispiel Teambesprechungen geschehen.
Die Messung des CO2-Fußabdrucks eines Unternehmens erfolgt nach einem Standardverfahren, das im Greenhouse Gas Protocol (8) beschrieben ist. Das sogenannte „Carbon Auditing“, also die Kohlenstoffbilanzierung ist in drei Bereiche unterteilt, die als „Scopes“ bezeichnet werden (Box 1). Der einfachste Weg, ein solches Audit zu beginnen, besteht darin, nur die Hauptkomponenten der Scope 1-Emissionen und der Scope 2-Emissionen in einer Praxis zu messen. Diese Daten sind einfach zu erfassen, sie ergeben erhebliche finanzielle Einsparungen und dienen als Grundlage für eine Festlegung konkreter Ziele zur Emissionsreduzierung. Hierfür werden entsprechende Daten aus Energierechnungen, Einkäufen von Anästhetika und Kilometerständen von Praxisfahrzeugen gesammelt und dann mit Hilfe eines Kohlenstoff-Rechners umgerechnet, um den Kohlenstoff-Fußabdruck in Tonnen CO2-Äquivalent zu ermitteln.
Hauptziel ist es, bereits innerhalb des ersten Jahres eine gewisse Reduzierung der Emissionen zu erreichen. Bei der Einführung eines neuen Prozesses in einem vielbeschäftigten Praxisteam sollte man sich jedoch nicht von Details und der Komplexität der Aufgabe überwältigen lassen und in der Anfangsphase einfache, erreichbare Ziele setzen. Da die Kohlenstoffbilanzierung jährlich wiederholt werden muss, ist es sinnvoll, Systeme zu etablieren, die künftig einen einfachen Datenabruf aus der Buchhaltungs- und Praxisverwaltungssoftware ermöglichen. Sobald sich die Praxis mit dem CO2-Fußabdruck gemäß der Scope 1- und Scope 2-Emissionen vertraut gemacht hat, können in einem nächsten Schritt zusätzlich auch die Scope 3-Emissionen ermittelt werden, um den gesamten CO2-Fußabdruck der Praxis zu erfassen. Langfristiges Ziel ist es, jährliche Reduktionsziele festzulegen, um das Net-Zero-Ziel bis zum Jahr 2050 zu erreichen.
Box 1. Die 3 Scopes der CO2-Bilanzierung mit Beispielen für die tierärztliche Praxis.
| Scope 1 direkte Emissionen, die vor Ort in der Praxis erzeugt werden. Beispiele hierfür sind fossile Gase zum Heizen, Isofluran-Narkosegase, die in die Atmosphäre entlassen werden, und fossile Kraftstoffe, die in den Fahrzeugen der Praxis verwendet werden. |
| Scope 2 indirekte Emissionen, die durch den Bezug von Elektrizität aus dem Netz entstehen. Dies ist von Region zu Region unterschiedlich, je nachdem, wie viel Kohle und Gas für die Stromerzeugung verwendet wird. |
| Scope 3 alle Emissionen, die von Akteuren erzeugt werden, die Produkte und Dienstleistungen für die Praxis bereitstellen. Beispiele hierfür sind Emissionen, die durch den Arbeitsweg der Mitarbeiter*innen entstehen, Abfall, der auf Deponien entsorgt wird, die externe Kremierung von Tieren, Reisen und Unterbringung im Zusammenhang mit Kongressen, Einkauf medizinischer Verbrauchsmaterialien und Energie für KI-Software. |
In der Anfangsphase ist es am einfachsten, Management und Praxisteam über die Gesamtmenge der Scope1- und Scope 2-Emissionen zu informieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass dies zwar ein wichtiger Startpunkt ist, aber nicht den gesamten CO2-Fußabdruck der Praxis erfasst. Im nächsten Schritt müssen die Scope 3-Emissionen hinzugerechnet werden, um den gesamten CO2-Fußabdruck der Praxis zu ermitteln. Die Gesamtemissionen werden schließlich umgerechnet in die Emissionsintensität (d. h. Emissionen pro tierärztlichem Vollzeitäquivalent), wodurch Vergleiche unabhängig von der Praxisgröße möglich werden. Wichtig ist zudem die Festlegung eines Termins für die erneute Berichterstattung im folgenden Jahr.
Der Prozess der Emissionsreduzierung beginnt mit der Überprüfung sämtlicher Systeme in der Praxis. Bestimmen Sie dabei zunächst die Hauptemission, die Sie reduzieren wollen, und untersuchen Sie die mit dieser Emission zusammenhängenden Systeme in der Praxis. Aus praktischer Sicht müssen bei Strategien zur Emissionsreduzierung zwei zentrale Aspekte berücksichtigt werden: Wird die Strategie zu einer signifikanten Emissionsreduzierung führen? Und wird sie das Team einbinden?
Im Idealfall besteht das Ziel darin, so schnell wie möglich erhebliche Emissionsreduzierungen zu erreichen. Gute Beispiele für eine signifikante Emissionsreduzierung sind Solaranlagen auf den Dächern und Ökostrom-Abnahmeverträge, sie erfordern aber nur eine geringe Beteiligung des Teams. Für die meisten Programme zur Emissionsreduzierung vor Ort in der Praxis ist das Engagement des Teams jedoch unerlässlich. So eignet sich beispielsweise ein Recyclingprogramm sehr gut, um das gesamte Team einzubinden, es reduziert die Emissionen aber nicht in so hohem Maße wie viele andere Maßnahmen. Im Vergleich hierzu erfordert ein Programm zur Reduzierung von Narkosegasen ein erhebliches Engagement des Teams und führt gleichzeitig zu signifikanter Emissionsreduzierung (Abbildung 3). Ein weiteres praktisches Beispiel wäre die Überprüfung der Routinen bezüglich der Liegeunterlagen und Einlagen in den Käfigen für stationäre Tiere. In Box 2 wird dieser Aspekt anhand einer Fallstudie näher erläutert. Das Engagement des Teams ist zudem erforderlich, um den Kontakt mit Kund*innen herzustellen und einen langfristigen Nutzen aus einer Net-Zero-Strategie zu ziehen.
Box 2. Fallstudie – Überprüfung des Systems der Lagerung stationärer Patienten.
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Die Net-Zero-Strategie hat ergeben, dass absorbierende Einweg-Käfigeinlagen zum CO2-Fußabdruck (Scope 3) beitragen durch:
Eine Lösung besteht darin, Käfigeinlagen durch recycelte Naturfasereinlagen in Standardgröße zu ersetzen. Das Verfahren kann wie folgt aussehen: Überprüfung der Beschaffung Führen Sie eine Überprüfung der Käfigeinlagen durch. Entsorgen Sie alle synthetischen Artikel und führen Sie diese einem speziellen Recycling zu. Liegeunterlagen aus Kunstfasern tragen beim Waschen und Trocknen zur Verschmutzung von Luft und Gewässern mit Mikrofasern bei. Standardisieren Sie die Liegeunterlagen und verwenden Sie Second-Hand-Handtücher aus Naturfasern und Wolldecken. Kund*innen sind oft bereit, Handtücher und Decken zu spenden.
Einrichtung und Management von Käfigen Sofern es keinen sehr guten Grund für die Verwendung von Einwegunterlagen gibt, sollten die Käfige mit einer gepolsterten, wiederverwendbaren Matte als Isolierung und Polsterung ausgestattet sein, die dann mit einem oder mehreren Baumwollhandtüchern abgedeckt wird. Verringern Sie die Verschmutzung von Unterlagen und Käfigen durch Patienten, z. B. mit Hilfe einer Medetomidin-Prämedikation, um angstbedingten Harn- und Kotabsatz zu verringern, und indem Sie sicherstellen, dass stationäre Patienten mehrmals täglich zum Harn- und Kotabsatz nach draußen geführt werden. Waschen/Trocknen der Liegeunterlagen Verwenden Sie eine Industriewaschmaschine mit hohem Schleudergang, um überschüssige Feuchtigkeit zu entfernen, und einen elektrischen Industrietrockner. Alle elektrischen Geräte können die Vorteile von Solarzellen auf dem Dach nutzen, sofern vorhanden. Wäscheständer können am Ende des Arbeitstages zum Trocknen der Wäsche über Nacht verwendet werden. |

Um das Engagement des Praxisteams aufrechtzuerhalten, ist es wichtig, sämtliche Prozesse zur Förderung der Nachhaltigkeit interessant oder spaßig zu gestalten und Erfolge zu feiern und zu belohnen. Die existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel kann einschüchternd und emotional erschöpfend wirken und dadurch zu Enttäuschung oder Ablehnung entsprechender Maßnahmen führen. Menschen schließen sich einer Bewegung oder Organisation sehr viel wahrscheinlicher an, wenn sie diese mit Freude und Spaß assoziieren. Langfristiges Ziel ist es daher, Nachhaltigkeit und Net-Zero zu einer normalen, stimulierenden und unterhaltsamen Angelegenheit zu machen. Unterstützt wird dies durch folgende hilfreiche Strategien:
Box 3. Die Vorteile des „ZerOctobers“ als „Monat der Nachhaltigkeit“.
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Im Wesentlichen lässt sich die Nachhaltigkeit in der Praxis unterteilen in nachhaltige Systeme (d. h. eine Net-Zero-Strategie), die in jeder Praxis umgesetzt werden können, und in nachhaltige Einrichtungen. Neubau, Umbau oder Renovierung werden zwar nicht für jede Praxis eine Option sein, stellen aber eine große Chance dar, wenn sich die entsprechende Gelegenheit ergibt. Tierärzt*innen haben in der Regel keine Kenntnis oder Ausbildung im Bereich Architektur, und der Prozess eines Umbaus oder einer Renovierung kann sehr komplex und belastend sein. Es ist deshalb sehr zu empfehlen, für solche Vorhaben Architekt*innen zu engagieren, die Erfahrung mit umweltgerechtem Design und mit der Planung und Gestaltung von Praxisräumlichkeiten und Praxiseinrichtungen haben. Architekt*innen kennen sich aus mit wichtigen Aspekten wie Licht, Raum, Personenbewegungen und Materialien und werden dem Projekt einen langfristigen und nachhaltigen Wert verleihen.
Da es bei Nachhaltigkeit immer um einen langfristigen Horizont geht, ist davon auszugehen, dass sich die Kosten für ein neues Gebäudes über eine Generation hinaus erstrecken. Hier gibt es drei wichtige Faktoren: Baukosten, Instandhaltungskosten und Betriebskosten. Aufgrund der hohen Investitionen ist man natürlich bestrebt, die Baukosten zu minimieren. Dies kann jedoch negative langfristige Folgen haben, wenn dadurch die Wartungs- und Betriebskosten steigen. So müssen zum Beispiel minderwertige Materialien häufiger gewartet und ersetzt werden, wodurch zusätzliche Kosten entstehen, und der Praxisbetrieb unterbrochen wird. Mangelhafte Isolierung und eine ungünstige Ausrichtung zur Sonne erhöhen die laufenden Energiekosten. Ein Mangel an natürlichem Licht, enge Räumlichkeiten und umständliche Arbeitsabläufe beeinträchtigen die Arbeitsmoral und die Bindung von Mitarbeiter*innen.
Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ist ein hervorragendes Beispiel dafür, auf welche Weise nachhaltiges Design Vorteile für die Rendite der Praxis, das Team, die tierischen Patienten und die Tierhalter*innen bringt. In der Praxis des Autors laufen in allen Arbeitsräumen Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung im Dauerbetrieb. Es findet ein ständiger Luftaustausch bei geringem Volumenstrom nach außen statt, wobei ein Energieaustausch zwischen der einströmenden Frischluft mit der ausströmenden Luft erfolgt. Im Vergleich zur reinen Abluftventilation spart eine Wärmerückgewinnungslüftung Geld, da die zum Heizen oder Kühlen des Arbeitsplatzes benötigte Energie optimal genutzt wird. Die kontinuierliche Zufuhr von Frischluft trägt zudem zur Reduzierung von unangenehmem „Praxisgeruch“ bei, der als Folge einer Akkumulation flüchtiger organischer Verbindungen aus Desinfektionsmitteln, Harn und Ausdünstungen von Tieren entsteht. Kund*innen, die in den engen Sprechzimmern warten, atmen frische, saubere Luft ein, die Tiere werden bei ihrer Ankunft in der Praxis nicht durch starke Gerüche überreizt (und beißen daher seltener), und das Praxisteam atmet saubere Luft ein.
Investitionen in Dienstleistungen eines guten Architekturbüros für die Planung eines Neubaus, eines Umbaus oder einer Renovierung werden sich langfristig auszahlen. Durch ein nachhaltiges Gebäudedesign entstehen Räumlichkeiten, in denen es sich gut arbeiten lässt, die einladend auf Kund*innen wirken und kostengünstiger zu betreiben sind (Abbildung 5). Langfristig wird sich all dies positiv auf die Rendite, den Team-Purpose und den Kundennutzen auswirken, noch lange Zeit nachdem die Baukosten beglichen sind.

Tierärzt*innen setzen sich für eine bessere Tiergesundheit ein, und der Klimawandel gilt als die größte Bedrohung für die zukünftige Gesundheit aller Tiere. Eine Net-Zero-Strategie, die sowohl eine Emissionsreduzierung als auch die engagierte Mitwirkung des gesamten Praxisteams ermöglicht, führt letztlich zu einer Verbesserung von Team-Purpose, Kundennutzen und Rentabilität der Praxis. Die Etablierung einer Nachhaltigkeitskultur, die Aspekte wie Identifikation, Kreativität und Enthusiasmus fördert, ermöglicht die volle Ausschöpfung des Potenzials einer Net-Zero-Strategie. Dieser Ansatz macht nicht nur die Nachhaltigkeits- und Umweltbewegung insgesamt attraktiver für eine größere Zahl von Menschen, sondern bietet darüber hinaus auch zahlreiche greifbare Vorteile für die Kund*innen einer tierärztlichen Praxis. Dadurch wird ein Mehrwert für die tierärztliche Praxis geschaffen und eine breite gesellschaftliche Unterstützung für eine bessere Klimapolitik aufgebaut.
BVSc (Hons), MANZCVs (SA Surgery), Brimbank Vet Clinic, Sydenham, Australien
Australien
Dr. Watson schloss sein Studium 1986 an der University of Melbourne ab und ist Leiter der Brimbank Vet Clinic, die 2021 als erste tierärztliche Praxis in Australien klimaneutral zertifiziert wurde. Er hat weitere Studien in Kreislaufwirtschaft und Net Zero für Unternehmen am Cambridge University Institute For Sustainability Leadership absolviert und ist einer der Mitbegründer des Climate Care Program, einem Nachhaltigkeits- und Net-Zero-Programm, das speziell für tierärztliche Praxen entwickelt wurde.
Der Klimawandel hat negative Auswirkungen auf unsere Bemühungen zur Verbesserung der Tiergesundheit. Wir alle müssen darauf reagieren, und tierärztliche Praxen sollten die Chancen zur Verbesserung ihrer Nachhaltigkeit nutzen.
Eine Net-Zero-Strategie bietet einen systematischen Rahmen, der Team-Purpose, Kundennutzen und die Rentabilität fördert.
Eine echte Emissionsreduzierung und die Einbindung des gesamten Teams sind die beiden wichtigsten praktischen Ergebnisse einer erfolgreichen Net-Zero-Strategie.
Die kreative und interessante Gestaltung einer Net-Zero-Strategie mit Hilfe von Gamification und Wettbewerb wird mehr tierärztliche Praxisteams für diese wachsende Bewegung gewinnen.