Als angesehene Berater von Tierhalter*innen und wichtige Partner der Tiernahrungsindustrie können Tierärzt*innen eine bedeutende Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen.

Laut Weltgesundheitsorganisation stellt der Klimawandel die größte Herausforderung und Gesundheitsbedrohung für die Menschheit dar (1). Zweifellos können und werden die sich veränderten klimatischen Verhältnisse aber auch auf das Wohlbefinden unserer Haustiere auswirken. Steigende Temperaturen und immer häufiger auftretende extreme Wetterereignisse haben tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesundheit und die Ernährung von Haustieren. Dieser Artikel beleuchtet kurz die Folgen des Klimawandels für Haustiere und unterstreicht die wichtige Rolle von Tierärzt*innen bei der Bewältigung dieser neuen Herausforderungen.
Mit dem globalen Temperaturanstieg sind Tiere zunehmend durch Hitzestress gefährdet. Hitzewellen können bei Haustieren zu Hitzeerschöpfung und Hitzschlag, mit potenziell schwerwiegenden gesundheitlichen Komplikationen führen (1, 2). Bestimmte brachycephale Rassen, wie zum Beispiel Cavalier King Charles Spaniels und Bulldoggen, sind insbesondere während der Sommermonate anfälliger für hitzebedingte Erkrankungen, da sie aufgrund ihres verkürzten Schädels und ihrer verengten Nasenlöcher vor allem bei hohen Temperaturen weniger gut in der Lage sind, effizient zu atmen (Abbildung 1) (3). Vermehrt gefährdet sind aber auch ältere Hunde und Hundewelpen, da sie ihre Körpertemperatur möglicherweise nicht mehr oder noch nicht so gut regulieren können.

Darüber hinaus führt der Klimawandel zu Veränderungen der geographischen Verbreitung von Parasiten und Vektoren wie Zecken und Stechmücken, die Krankheiten auf Haustiere übertragen können. Wärmere Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster vergrößern die Lebensräume dieser Vektoren und erhöhen somit das Potenzial für Probleme wie Borreliose und Dirofilariose (Abbildung 2) (3-5). So werden in bestimmten Regionen, in denen früher nur wenige durch Zecken übertragene Krankheiten auftraten, jetzt zunehmend mehr Fälle registriert, zum Beispiel in Gebieten wie dem Nordosten der USA, in denen wärmere Winter das Überleben und die Reproduktion von Zecken erleichtern (6).
Zudem ist davon auszugehen, dass einkommensschwächere Tierhalter*innen bei der Bewältigung dieser klimabedingten Risiken mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert sind, da sie oftmals nur eingeschränkten Zugang zu tierärztlicher Versorgung, präventiven Arzneimitteln oder Ressourcen zum Schutz ihrer Haustiere vor extremer Hitze haben.

Verhaltensänderungen bei Haustieren können auch auf klimabedingte Stressfaktoren zurückzuführen sein. So kann es zum Beispiel bei extremen Wetterereignissen wie Waldbränden oder Überschwemmungen, in deren Folge Haustiere und ihre Halter*innen Haus und Hof verlassen müssen, zu vermehrter Angst und erhöhtem Stresslevel kommen (Abbildung 3). Tierärzt*innen müssen wissen, dass diese Situationen zu Verhaltensproblemen führen können, um adäquate Unterstützung und wirksame Interventionen anbieten zu können (7). So können Tiere während oder nach solchen Ereignissen Anzeichen von Stress zeigen, wie zum Beispiel übermäßiges Bellen, vermehrtes Verstecken oder veränderte Nahrungsaufnahmegewohnheiten.
Der Klimawandel kann darüber hinaus aber auch Auswirkungen auf die Sicherheit der Futtermittelversorgung haben, da landwirtschaftliche Erträge aufgrund extremer Wetterereignisse sinken könnten. Die im Zuge der weltweit ansteigenden Katzen- und Hundepopulation weiter zunehmende Nachfrage nach Tiernahrung für Heimtiere kann zu einer Verknappung der entsprechenden Ressourcen führen (8). Katzen- und Hundewelpen können aufgrund ihres spezifischen Ernährungsbedarfs für ein optimales Wachstum und eine optimale Entwicklung von Schwankungen bei Verfügbarkeit und Qualität von Futtermitteln besonders betroffen sein. In Regionen, in denen der Klimawandel zu Dürren oder Überschwemmungen führt, kann die Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe für Tiernahrung beeinträchtigt sein, mit der Folge höherer Preise und eines geringeren Angebotes für Tierhalter*innen. Diese Szenarien unterstreichen die Notwendigkeit nachhaltiger landwirtschaftlicher Praktiken, die den Herausforderungen des Klimawandels standhalten können.

Die Herstellung von Tiernahrung trägt in signifikantem Maße zu den Treibhausgasemissionen bei und ist für etwa 60 % der jährlichen von einem Kleintier verursachten Emissionen verantwortlich (9). Um dieses Problem aktiv anzugehen, liegt der Fokus bei Herstellern heute aufnachhaltigen Praktiken der Beschaffungund auf nachhaltigen Rezepturen. Zu den wichtigsten Strategien gehören:

Tierärzt*innen spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung von Tierhalter*innen über die wichtige Bedeutung nachhaltiger Fütterungs- und Ernährungspraktiken. Wichtige Punkte sind:

Tierärzt*innen haben aufgrund ihres einzigartigen Standings die Möglichkeit, ihre Kunden und die breitere Öffentlichkeit in Fragen des Klimawandels und der Nachhaltigkeit zu beraten und zu beeinflussen. Durch Förderung umweltfreundlicher Fütterungs- und Ernährungspraktiken können Tierärzt*innen dazu beitragen, unter Tierhalter*innen eine Kultur der Verantwortung zu etablieren. In ihren Communities können sich Tierärzt*innen aber auch über Workshops, Seminare und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Nachhaltigkeit engagieren. Durch Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Umweltgruppen können Tierärzt*innen ihre Botschaft im Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz verstärken und zu kollektivem Handeln ermutigen (14). So organisierte beispielsweise eine tierärztliche Praxis in Kalifornien eine „Pet Wellness and Sustainability Fair“, eine Messe, auf der Tierhalter*innen an Workshops zu Themen wie umweltfreundliche Produkte für Tiere, verantwortungsvolle Fütterung und die Bedeutung der Adoption von Haustieren aus Tierheimen teilnehmen konnten. Diese Veranstaltung diente nicht nur der Aufklärung von Tierhalter*innen, sondern förderte auch das Gemeinschaftsgefühl in Bezug auf nachhaltige Praktiken im Allgemeinen.
Tierärzt*innen können zudem einen wertvollen Beitrag zur Forschung für ein besseres Verständnis der Auswirkungen des Klimawandels auf die Tiergesundheit leisten. Ein Engagement für interdisziplinäre Forschung kann die Zusammenarbeit zwischen Veterinärmedizin und Umweltwissenschaften fördern. Durch enge Zusammenarbeit mit Tiernahrungsherstellern können sich Tierärzt*innen für nachhaltige Praktiken bei der Produktentwicklung einsetzen, und damit Innovationen bei der Formulierung von Tiernahrung fördern, die Umweltverantwortung in den Vordergrund stellen und gleichzeitig die Ernährungsbedürfnisse von Haustieren erfüllen. Hersteller von Tiernahrung sollten ermutigt werden, alternative Proteinquellen wie Insekten oder pflanzliche Proteine zu erforschen, um die Proteinversorgung auch in der Zukunft zu sichern, und gleichzeitig Rohstoffe mit geringeren Umweltauswirkungen entwickeln (15).
Marion Sarteel
Über die Ernährung und Fütterung hinaus können Tierärzt*innen aber auch in ihren eigenen Praxen und Kliniken klimagerecht handeln, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern (16). Diese Thematik wird in einem weiteren Artikelin dieser Ausgabe ausführlicher behandelt, zu nennen sind an dieser Stelle aber Aspekte wie eine energieeffiziente Beleuchtung, die nachhaltige Beschaffung von Praxisbedarf und CO2-arme Anästhesieverfahren. Mars Veterinary Health hat beispielsweise 2024 eine innovative Technologie zum Auffangen von Anästhesiegasen eingeführt, um die CO2-Emissionen zu reduzieren (17).
Wichtig ist darüber hinaus eine aktive Rolle von Tierärzt*innen bei der Ausbildung und Sensibilisierung der nachfolgenden Generation durch Förderung und Forderung der Einbeziehung von Themen wie Nachhaltigkeit in das Tiermedizinstudium. Eine Ergänzung der Lehrpläne um entsprechende Module, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die tierärztliche Praxis befassen, wird Studierende dazu anregen, sich kritisch mit ihrer künftigen Rolle bei der Bewältigung des Klimawandels auseinanderzusetzen (18). Und nicht zuletzt sollte dieses wichtige Thema auch in der Fortbildung für praktizierende Tierärzt*innen berücksichtigt werden, sowohl über Online-Module als auch Präsenzveranstaltungen.
Geoffrey Daniel
Die Überschneidung von Klimawandel und Tiergesundheit stellt Tierärzt*innen und Tierhalter*innen gleichermaßen vor große Herausforderungen. Wenn wir aber die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Haustiere verstehen und nachhaltige Ernährungs- und Fütterungspraktiken umsetzen, kann es uns gelingen, auf eine gesündere Zukunft für unsere Haustiere und für unseren Planeten hin zu arbeiten. In der sich kontinuierlich weiterentwickelnden Tiernahrungsindustrie wird ein zunehmendes Engagement für Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung sein, um die Auswirkungen des Klimawandels abzumildern und das Wohlbefinden unserer geliebten tierischen Gefährten auch in Zukunft zu gewährleisten.
MEng, Royal Canin, Montpellier, Frankreich
Frankreich
Marion Sarteel ist Leiterin der globalen Klimawandelstrategie von Royal Canin mit Fokus auf der Verbesserung der Umweltauswirkungen im Tiernahrungssektor. Nach ihrem Abschluss am Institut Agro in Montpellier (SupAgro) war sie als Beraterin für Konsumgüterunternehmen und die Europäische Kommission tätig, um die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Lebens- und Futtermittelsektors zu verbessern. Seit 2018 leitet sie die Klimaschutzbemühungen von Royal Canin auf globaler Ebene und treibt verschiedene Initiativen im gesamten Unternehmen voran, die bereits konkrete Vorteile für den Planeten bringen.
MSc, Royal Canin, Montpellier, Frankreich
Frankreich
Geoffrey Daniel ist Absolvent der ENITIAA (École nationale d'ingénieurs des techniques des industries agro-alimentaires) in Nantes, Frankreich, und kam 2003 zu Royal Canin, wo er verschiedene Positionen im Bereich R&D als Prozess- und Produktwissenschaftler innehatte. Als Spezialist für nachhaltige Ernährung und Rezepturen von Nahrungen verfügt er über umfangreiche Erfahrungen innerhalb des Royal Canin Produktionsnetzwerks und ist seit 2023 als Experte für Nachhaltigkeit im Bereich Rezepturen für das Unternehmen tätig. Derzeit leitet er das globale Klimaprogramm für R&D und arbeitet an der Dekarbonisierung von Rezepturen, um den CO2-Fußabdruck von Tiernahrungen für Heimtiere zu reduzieren. Dabei koordiniert er die Initiativen mit den Royal Canin-Teams für Handel, Rezepturen und Nachhaltigkeit.
Der Klimawandel birgt erhebliche Gesundheitsrisiken für Haustiere, unter anderem die Gefahr von Hitzestress und die Zunahme von vektorenübertragenen Krankheiten.
Die Tiernahrungsindustrie trägt vor allem durch die von ihr verwendeten Rohstoffe zu den Treibhausgasemissionen bei, nachhaltige Ernährungspraktiken können die Umweltauswirkungen aber verringern.
Tierärzt*innen spielen eine wichtige Rolle bei der Aufklärung von Tierhalter*innen über nachhaltige Fütterungspraktiken und die richtige Ernährung ihrer Tiere.
Tierärzt*innen können eine Rolle bei der Prägung der nächsten Generation von Kolleg*innen spielen, indem sie die Einbindung wichtiger Themen wie Nachhaltigkeit in das Tiermedizinstudium unterstützen.