Geschrieben von Markus Eickhoff
Bei der Katze machen Kieferfrakturen 5-7% aller Frakturen aus, häufig verursacht durch Autounfälle oder Stürze aus großer Höhe. Kieferfrakturen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von Frakturen anderer Lokalisationen.
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Einleitung
Bei der Katze machen Kieferfrakturen 5-7% aller Frakturen aus, häufig verursacht durch Autounfälle oder Stürze aus großer Höhe (Abbildung 1). Kieferfrakturen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von Frakturen anderer Lokalisationen. Unterschiede ergeben sich insbesondere bei der Versorgung von Frakturen in zahntragenden Abschnitten der Kiefer. Zähne sind bei Kieferfrakturen häufig mit betroffen. Deren Schonung und Funktionalität in ungestörter Okklusion stellen wichtige Faktoren der therapeutischen Versorgung dar. Zähne können zudem eine wichtige Rolle bei der Reposition und Stabilisierung einer Fraktur spielen. Eine schnelle funktionelle Wiederherstellung für die zwingend notwendige Futteraufnahme steht im Vordergrund der Versorgung. Häufig ist die Fraktur des Kiefers jedoch eingebunden in eine Polytraumaproblematik, so dass primär nicht die Rekonstruktion des Kiefers im Fokus steht, sondern die Stabilisierung des Tieres z.B. in Form stationärer Aufnahme mit Schockbehandlung. In der Regel wird die verunfallte Katze vom Besitzer zeitnah beim Tierarzt vorgestellt, da häufig ausgeprägte, multiple Verletzungen vorliegen. Manchmal erscheinen die verletzten Tiere jedoch auch erst Tage nach dem Trauma wieder beim Besitzer, so dass das akute Geschehen oder speziell auch eine mögliche Kieferfraktur nicht mehr so offensichtlich sind.Sichere Frakturzeichen sind die abnorme Beweglichkeit eines Kieferanteils, zeigt sich zusätzlich Krepitation ist definitiv von einer Fraktur auszugehen. Symmetrieabweichungen wie Schwellungen, Enophthalmus, Exophthalmus oder laterale sowie rostrokaudale Abweichungen im Kieferschluss sind allein unsichere Frakturzeichen. Ein inhibierter Kieferschluss mit unnatürlicher Bewegungsamplitude des Unterkiefers kann z.B. auch Folge einer Kiefergelenksluxation sein.
Objektiviert wird das Vorliegen einer Kieferfraktur durch Röntgenaufnahmen in mehreren Ebenen mit dorsoventralem oder ventrodorsalem, sowie laterolateralem Strahlengang, ergänzt durch Schrägprojektionen zur Eliminierung von Superposition einzelner Strukturen. Bei Impressionsfrakturen des Oberkiefers oder bei kaudalen Unterkieferfrakturen ist eine Darstellung im Schnittbildverfahren kombiniert mit einer daraus errechneten dreidimensionalen Darstellung (CT, MRT) häufig aussagekräftiger. In zahntragenden Kieferabschnitten ist mit detailgenauen intraoralen Einzelzahnröntgenaufnahmen eine feinzeichnende und aussagekräftige Darstellung des Frakturbereichs möglich.
Kombiniert mit einer Kieferfraktur finden sich häufig Weichteilverletzungen mit Blutungen in der Mundhöhle, vermehrtes Speicheln, traumatisch bedingte Zahnfehlstellungen oder -luxationen, alles eingebunden in ein schmerzhaftes, entzündliches Geschehen, welches die Untersuchung nicht erleichtert. Abweichungen im Kieferschluss infolge von Störkontakten in der engen Verzahnung der Katze sollten immer auf eine potentielle Kieferfraktur abgeklärt werden.
TDer Unterkiefer besteht aus rechter und linker Mandibula, die im Bereich der Unterkiefersymphyse syndesmotisch oder synchondrotisch miteinander verbunden sind. Die Entwicklung einer Synostose ist im Laufe des Katzenlebens zwar möglich, in der Regel bleibt jedoch eine limitiert bewegliche Verbindung der linken und rechten Unterkieferhälfte. Man unterscheidet das Corpus mandibulae (horizontaler Unterkieferast) vom Ramus mandibulae (vertikaler Unterkieferast). Die Zähne befinden sich in der Pars alveolaris des Corpus. Zentrale Gefäße und Nerven erreichen den Unterkiefer mit Eintritt am Foramen mandibulare an der Innenseite des Ramus mandibulae, verlaufen dann im Canalis mandibularis parallel zum Ventralrand des Unterkiefers nach rostral, Anteile treten an den Foramina mentalia im Bereich des dritten Unterkieferprämolaren wieder aus. Der Unterkiefer ist über das Kiefergelenk mit der Schädelbasis im Bereich des Os temporale verbunden. Die Katze besitzt eine sehr tiefe Fossa mit ausgeprägter kaudaler und rostraler Begrenzung, dem Processus retroarticularis und Processus anteglenoidalis. Das Kiefergelenk ist ein inkongruentes Walzengelenk, welches durch einen Diskus vollständig in eine obere und untere Etage getrennt wird. Die Freiheitsgrade des Kiefergelenks der Katze sind aufgrund der engen Einfassung fast ausschließlich auf eine Scharnierbewegung begrenzt, welche in der schneidenden Funktion der rein sekodonten Dentition der Katze ihre Entsprechung findet. Durch die Anisognathie in Form eines im Vergleich zum Oberkiefer schmaleren, lingual stehenden Unterkieferzahnbogens ist die sekodonte Funktion komplettiert.
An der lateralen und medialen Fläche des Ramus mandibulae setzen mit dem M. masseter, M. pterygoideus medialis und M. temporalis achsennah die großen Schließer der Kaumuskulatur mit einer rostrodorsal ausgerichteten Zugrichtung an. Achsenfern, rostral am Unterkieferkörper, unterstützen vor allem der kaudoventrale Zug des M. digastricus und die Unterzungenmuskulatur die Öffnungsbewegung des Kiefers. Entsprechend der funktionellen Beanspruchung weist der Unterkiefer belastungsbedingte Anpassungen in Form eines Trajektoriensystems mit Ausrichtung von Spongiosabälkchen sowie der Dicke der Kortikalis auf.
Je nach Verlauf einer Frakturlinie kann somit eine „günstige“ oder „ungünstige“ Voraussetzung zur Versorgung der Fraktur vorliegen. Der Ventralrand des Unterkiefers ist auf Druckbelastung, der Alveolarkammanteil auf Zugbelastung ausgerichtet, so dass für die Reparatur der Fraktur eine Technik zur Neutralisierung der Zugkräfte auf der ventralen Seite oder eine Zuggurtung auf der dorsalen Seite eingesetzt werden kann, oder beide Verfahren kombiniert. Für eine gute Funktionalität ist die Wiederherstellung des Trajektoriensystems notwendig. Das Vorhandensein der Zähne auf Seiten der Zugbelastung im Frakturbereich ist sehr hinderlich für eine konventionelle invasive Frakturversorgung, dadurch ist insbesondere im zahntragenden Abschnitt des Unterkieferkörpers eine Modifikation der Versorgung anzustreben.
Für Ober- wie für Unterkieferfrakturen gilt, dass eine gute Einstellung der Verzahnung nach Reponieren der Fraktur nur dann gewährleistet ist, wenn die Kontrolle des Kieferschlusses möglich ist. Neben der passageren Extubation zur Kontrolle kommt alternativ die Intubation mittels Pharyngostomie in Betracht, welche während der gesamten Zeit der operativen Versorgung eine fortwährende Kontrolle gewährleistet sowie bei der Verblockung von Ober- und Unterkiefer bei kaudalen Frakturen eine Fixierung im Schlussbiss erlaubt.
Fraktur des Corpus mandibulae (horizontaler Unterkieferast)
Je nach Verlauf der Frakturlinie kann sich bei einer Fraktur des Unterkieferkörpers aufgrund des Muskelzugs eine Dislokation ergeben oder dem entgegengesetzt sogar eine Stabilisierung im Frakturbereich, man spricht daher von „ungünstigem“ und „günstigem“ Frakturverlauf. Bei kaudoventralem Frakturverlauf kommt es infolge des achsenfernen Zugs der Mundöffner und des achsennahen Zugs der Mundschließer zu einem Klaffen des Frakturspalts (Abbildung 3a). Bei kaudodorsalem Verlauf dagegen kommt es zu einer Kompression im Frakturspalt (Abbildung 3b). Im zahnlosen Kieferanteil ist der Einsatz einer Osteosyntheseplatte denkbar (z.B. Miniplatte), im zahntragenden Kieferabschnitt ist der Einsatz von Drahtcerclagen oder nicht invasiven Methoden, wie die Nutzung einer Kunststoffschienung günstiger. Beim Legen von Drahtcerclagen muss beim Platzieren der Bohrungen sehr genau auf den Wurzelverlauf geachtet werden, um Schädigungen zu vermeiden, ebenso sollte der Mandibularkanal ausgespart bleiben. Dieselbe Problematik ergibt sich beim Einsatz von Osteosyntheseplatten, da die Bohrlöcher bereits vorgegeben sind. Am Ventralrand des Unterkiefers (Drucktrajektorium) ist das Einsetzen einer Miniplatte relativ problemlos möglich, genügt allein jedoch nicht den Belastungsanforderungen. Daher sollte am auf Zug belasteten zahntragenden Alveolarkamm (Zugtrajektorium) zusätzlich eine Frakturstabilisierung erfolgen, zur Schonung der Zähne vorzugsweise nicht mittels Osteosyntheseplatte, sondern durch ein alternatives Verfahren wie z.B. eine Kunststoffschienung, eine Drahtcerclage oder eine Kombination aus beidem.
Bei günstigem Frakturverlauf kann eine dorsale Cerclage ausreichende Stabilität erzielen, bei ungünstigem Verlauf sind zwei Cerclagen gefordert (Abbildung 4 a-d). Alternativ ist eine nicht invasive Versorgung mittels Kunststoffschiene über die Zahnreihe möglich, allein oder in Kombination mit einer Drahtcerclage. Eine zusätzliche Stabilisierung der Kunststoffschienung kann über eine interdental geführte Drahtcerclage erreicht werden. Kaltpolymerisierende Kunststoffmaterialien sind exotherm aushärtenden Kunststoffen wie Methacrylaten vorzuziehen, um eine thermische Schädigung der Zähne zu vermeiden. Bei Verwendung von Methacrylaten ist auf eine ausreichende Kühlung während der Aushärtezeit zu achten. Vor Aushärtung ist eine Okklusionskontrolle anzuraten, um Störkontakte weitestgehend zu vermeiden. Die Zähne werden mit Phosphorsäure geätzt, um ein retentives Mikrorelief zu erzeugen, da eine Verkrallung des Kunststoffes in den Approximalräumen aufgrund der sekodonten Zahnform der Katze nicht gegeben ist.
Eine Ruhigstellung des Frakturbereichs mittels Maulschlinge ist aufgrund der Kopfform der Katze meist sehr schwierig. Bei der Maulschlinge wie auch beim Mundspaltenverschluss mit Knöpfen handelt es sich per se lediglich um eine relative Ruhigstellung, es verbleiben geringe Bewegungen auf dem Frakturspalt, welche eine knöcherne Ausheilung behindern und zur Entstehung eines Pseudogelenkes beitragen können. Die nutritive Versorgung der Katze muss bei dauerhaftem Verschluss der Mundspalte via Ernährungssonde erfolgen.
Bei multiplen Bruchfragmenten oder bei Frakturen mit großem Stückverlust kann der Einsatz eines Fixateurs externe erwogen werden. Wiederum ist auf maximale Schonung der Zähne zu achten. Zwei Kirschnerdrähte pro Fragment sind ausreichend und werden interradikulär mit abweichender Achsenrichtung eingebracht. Die Verblockung mittels Kunststoff erfolgt nach Umbiegen der Drähte kiefernah. Der Einsatz eines intramedullären Pins oder eines Pins im Mandibularkanal ist obsolet.
Zähne im Frakturspalt
In vielen Fällen müssen Zähne im Frakturbereich belassen werden, um eine Stabilisierung zu gewährleisten oder als Retention für eine Kunststoffschiene zu dienen. Kontraindikationen für das Belassen eines Zahnes im Frakturbereich sind ein exazerbiertes parodontales Geschehen, eine hochgradige Lockerung oder ein deutlich infizierter Bruchspalt. Bei Fraktur eines benötigten Zahnes sollte dieser provisorisch endodontisch versorgt werden, um ein pulpitisches Geschehen samt negativen Auswirkungen auf die Frakturheilung zu vermeiden. Die definitive endodontische Versorgung kann nach Entfernung der Frakturversorgung durchgeführt oder alternativ der Zahn entfernt werden. Durch die häufig vorliegende Kommunikation des Frakturspaltes mit der bakterienbeladenen Mundhöhle sollte eine antibiotische Abdeckung erfolgen, um die Ausheilung der Fraktur günstig zu begleiten, ebenso ist eine antiphlogistische und analgetische Versorgung obligat.
Tierarzt und Zahnarzt
Deutschland
Dr. Eickhoff schloss sein Zahnmedizinstudium 1993 an der Johann Wolfgang von Goethe Universität Frankfurt ab und sein Tiermedizinstudium 1999 an der Justus Liebig Universität Gießen. Er ist Past-President der „Deutschen Gesellschaft für Tierzahnheilkunde“ (DGT) und betreibt eine Fachpraxis für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Weissach bei Stuttgart. Dr. Eickhoff ist Autor dreier Fachbücher zu dieser Thematik.
Im Vordergrund der Versorgung von Kieferfrakturen bei der Katze steht die Wiederherstellung einer funktionellen Okklusion.
Kieferfrakturen sind oft nur eine Komponente einer Polytraumaproblematik.
Es muss darauf geachtet werden, dass die Behandlung einer Kieferfraktur nicht zu einer Beeintrchtigung der Vitalitt von Zhnen fhrt.
Die Beurteilung von Kieferfrakturen verlangt eine gute Rntgentechnik und kann durch den Einsatz von CT und MRT verbessert werden.