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Kastration – Nutzen und Risiken abwägen

Geschrieben von Smadar Tal

Die Kastration von Hunden und Katzen ist ein Routineeingriff, sie kann jedoch für Adipositas und andere gesundheitliche Probleme prädisponieren. Wichtig ist daher eine Abwägung von Nutzen und Risiken.

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5 - 15 min
Ein Australian Shepherd hält einen Brokkoli im Maul

Kernaussagen

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Die Kastration ist einer der häufigsten chirurgischen Eingriffe in der Kleintierpraxis und hat nachweislich Vorteile für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere.

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Physiologische Veränderungen nach der Kastration können Hunde und Katzen für eine Gewichtszunahme und andere Gesundheitsprobleme prädisponieren; sowohl Tierhalter*innen als auch Tierärzt*innen sollten diese Aspekte in ihre Überlegungen einbeziehen.

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Mit Hilfe einer individuellen Herangehensweise, die verschiedene Faktoren berücksichtigt, können Tierärzt*innen den Nutzen der Kastration maximieren und die Risiken für Patienten minimieren. 

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Die Prävention von Adipositas durch frühzeitige Kalorienanpassung, strukturierte Fütterung, regelmäßige Bewegung und kontinuierliche Überwachung ist von entscheidender Bedeutung.


Einleitung

Die Kastration durch Gonadektomie ist einer der häufigsten chirurgischen Eingriffe in der Kleintierpraxis; in einigen Ländern sind bis zu 70–80 % aller Hunde kastriert (1, 2). Diese Prävalenz spiegelt nicht nur die kulturelle Einstellung gegenüber der Haltung von Kleintieren wider, sondern auch die heute gut nachgewiesenen Vorteile der Kastration für die Gesundheit und das Tierwohl von Hunden und Katzen. Zu den wichtigsten positiven Aspekten zählen die Verhinderung von Überpopulation und die Verringerung der Anzahl unerwünschter Würfe, wodurch die Belastung für Tierheime verringert und Euthanasien aus Platzgründen reduziert werden. Aus medizinischer Sicht eliminiert die Kastration das Risiko einer Pyometra – einer potenziell tödlichen Gebärmutterentzündung bei intakten weiblichen Tieren – und reduziert die Inzidenz von Mammatumoren in signifikantem Maße, wenn der Eingriff vor bestimmten reproduktiven Meilensteinen durchgeführt wird. Bei männlichen Tieren eliminiert die Kastration das Risiko von Hodenneoplasien und reduziert die Inzidenz einer benignen Prostatahyperplasie und Prostatitis.

Die Gonadektomie macht aber einige physiologische Kosten-Nutzen-Abwägungen erforderlich, denn die Entfernung der Keimdrüsen führt zu einem Verlust der endogenen Östrogen-, Progestagen- und Androgenproduktion mit Folgen für den Stoffwechsel, die Energiebilanz, die Entwicklung des muskuloskelettalen Systems und sogar die Immunfunktion. Über die letzten zwei Jahrzehnte zeigen zunehmend mehr Erkenntnisse, dass kastrierte Hunde und Katzen ein signifikant höheres Risiko für Übergewicht und Adipositas aufweisen – insbesondere bei Ausbleiben einer Anpassung der Kalorienzufuhr nach dem chirurgischen Eingriff. Überschüssiges Körperfett ist jedoch kein harmloser Befund, sondern führt zu einem chronischen Entzündungszustand, der mit einer verkürzten Lebensdauer und einem erhöhten Risiko für verschiedene Erkrankungen wie Osteoarthritis, bestimmte Neoplasien und endokrine Störungen assoziiert ist.

Die aktuellen WSAVA-Leitlinien empfehlen, von einem einheitlichen Ansatz bezüglich des Timings der Kastration abzurücken und stattdessen Entscheidungen auf individueller Basis zu treffen (1). Dies erfordert eine sorgfältige Abwägung von Vorteilen und Risiken einer Kastration auf der Grundlage von rassespezifischen Prädispositionen, Geschlecht, Körpergröße, beabsichtigter Verwendung (Haustier vs. Arbeitstier) und der Fähigkeit des Halters oder der Halterin, mit einem intakten Hund oder einer intakten Katze umzugehen. Die Leitlinien betonen darüber hinaus die Notwendigkeit eines bereits unmittelbar im Anschluss an die Kastration einsetzenden proaktiven und strukturierten Gewichtsmanagements, da eine Prävention weitaus einfacher ist als die Umkehrung einer bereits manifesten Adipositas.

Dieser Review fasst den aktuellen Stand der Forschung über die Auswirkungen der Kastration auf das Körpergewicht zusammen, skizziert praktische Präventionsstrategien für Tierärzt*innen und Tierhalter*innen und analysiert langfristige Gesundheitsaspekte. Ziel ist es, Tierärzt*innen ausgewogene und evidenzbasierte Argumente an die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie Hunde- und Katzenhalter*innen zu Entscheidungen führen können, die den gesundheitlichen Nutzen für die Tiere maximieren und gleichzeitig vermeidbare Risiken minimieren.

Physiologische Veränderungen nach der Kastration

Die Keimdrüsen sind nicht nur Fortpflanzungsorgane, sondern auch endokrine Drüsen mit systemischen Auswirkungen. Östrogene und Androgene unterstützen die Regulierung des Grundumsatzes, der Fettverteilung, des Erhalts der fettfreien Körpermasse (Muskelmasse) und der Appetitsignale. Das Fehlen dieser Substanzen nach einer Gonadektomie löst eine umfangreiche Kaskade hormoneller Veränderungen aus, die in ihrer Gesamtheit zu einer Erhöhung der Wahrscheinlichkeit einer Gewichtszunahme beitragen. Ein zentraler Faktor ist dabei die veränderte Energiebilanz. Zahlreiche Studien belegen, dass der Kalorienbedarf im Anschluss an die Kastration substanziell fällt, und zwar um etwa 24 bis 30 %, sowohl bei Hunden als auch bei Katzen (3). Für die meisten Tierhalter*innen ist diese Verringerung des Energiebedarfes nicht intuitiv nachvollziehbar, zumal kastrierte Tiere nach dem Eingriff oft hungriger erscheinen. Der Appetit steigt aufgrund von Veränderungen sättigungsassoziierter Hormone: Leptin, ein Hormon, das dem Gehirn den Sättigungszustand signalisiert, kann paradoxerweise ansteigen, aber an Wirksamkeit verlieren, während Ghrelin – das „Hungerhormon“ – nach den Mahlzeiten über eine längere Dauer erhöht bleibt (4). Darüber hinaus nehmen die thermogene Wirkung von Nahrung und der Ruheenergiebedarf bei Fehlen gonadaler Steroide ab.

Bei Katzen sind diese Veränderungen besonders stark ausgeprägt. Untersuchungen zeigen, dass kastrierte Kater innerhalb weniger Wochen nach einer Kastration ihre freiwillige Futteraufnahme um mehr als 50 % steigern können, mit der Folge einer Gewichtszunahme von bis zu 28 % im Verlauf einiger Monate, wenn eine entsprechende Anpassung der Fütterung ausbleibt (4, 5). Bei Hunden sind diese Veränderungen oft subtilerer Natur, kastrierte Tiere neigen aber oft zu verstärktem Futtersuchverhalten und verminderter spontaner Aktivität. Dies gilt insbesondere für Rüden, die ihre testosterongesteuerte Lust am Erkunden und Umherstreunen und ihre Verspieltheit verlieren. Da diese physiologischen Veränderungen vorhersehbar und in allen Studien konsistent nachweisbar sind, sollten sie eher präventiv und nicht reaktiv angegangen werden. Bereits im Vorfeld einer Kastration sollten Tierhalter*innen dahingehend aufgeklärt und beraten werden, dass der Kalorienbedarf ihres Tieres bereits unmittelbar nach dem chirurgischen Eingriff sinkt und dass Verhaltensänderungen – wie z. B. häufigeres und intensiveres Betteln – hormonell bedingt sind und nicht etwa darauf hindeuten, dass der Hund oder die Katze zu wenig Futter erhält (Abbildung 1).

Eine Katze bettelt um ein Leckerli, während ihr Besitzer einen Beutel mit Nassfutter in der Hand hält
Abbildung 1. Wenn ein Tier nach der Kastration weiterhin die gleiche Futtermenge erhält, ist eine Gewichtszunahme nahezu vorprogrammiert. Halter*innen sollten darauf hingewiesen werden, dass der Kalorienbedarf ihres Tieres unmittelbar nach der Kastration sinkt und Verhaltensänderungen wie häufigeres Betteln hormonell bedingt sind und nicht etwa darauf hindeuten, dass das Tier zu wenig Nahrung erhält. © Shutterstock

Adipositasrisiko nach Gonadektomie

Zentrale Ergebnisse epidemiologischer Studien an großen Populationen bestätigen, dass kastrierte Hunde und Katzen häufiger Übergewicht und/oder Adipositas entwickeln als ihre nicht kastrierten Artgenossen. Eine bahnbrechende retrospektive Analyse von mehr als 155 000 Hunden ergab, dass eine Gonadektomie die Wahrscheinlichkeit von Übergewicht in signifikantem Maße erhöht, auch unter Berücksichtigung alters- und rassespezifischer Faktoren (2). Ähnliche Zusammenhänge werden auch bei Katzen beobachtet, wo die Kastration durchweg mit höheren Adipositas-Raten, vermehrter Insulinresistenz und einem erhöhten Risiko für Diabetes mellitus assoziiert ist (6, 7).

Geschlechtsunterschiede

Traditionell galten kastrierte weibliche Tiere als am stärksten gefährdet für Übergewicht und Adipositas, wahrscheinlich aufgrund des abrupten Abfalls des Östrogenspiegels, der eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Körperfettverteilung spielt. Neuere Daten deuten jedoch darauf hin, dass kastrierte männliche Tiere eine ebenso große – wenn nicht sogar noch größere – Anfälligkeit für eine postoperative Gewichtszunahme aufweisen, möglicherweise aufgrund der kombinierten Effekte des Verlusts an Testosteron und einer stärkeren Verringerung der Aktivität (2, 6).

Faktoren der Rasse und der Körpergröße

Daten deuten darauf hin, dass kleine Hunderassen wie Dackel, Chihuahua und Zwergschnauzer einige der höchsten Gewichtszunahmeraten nach Kastration aufweisen, möglicherweise aufgrund ihrer relativ hohen Stoffwechselraten vor der Kastration, die dann postoperativ überproportional absinken (2, 8). Im Unterschied hierzu scheinen Riesenrassen wie Deutsche Dogge und Irischer Wolfshund weniger stark betroffen zu sein, obwohl Adipositas natürlich auch bei diesen Rassen eine klinische Relevanz besitzt, wenn sie auftritt. Bei Rassen mit bekannten orthopädischen Schwachstellen kann selbst eine moderate Gewichtszunahme nach der Kastration überproportionale Folgen haben.

Das Alter bei der Kastration

Eine lebenslange Studie an Golden Retrievern zeigt, dass eine Kastration vor Ende des ersten Lebensjahrs das Risiko für Übergewicht gegenüber intakten Tieren verdoppelt; eine Kastration nach dem 12. Lebensmonat erhöht das Risiko zwar ebenfalls, aber in geringerem Maße (6). Diese Daten deuten darauf hin, dass eine frühe Kastration (3–6 Monate) bei kleinen Rassen möglicherweise kein zusätzliches Risiko für Adipositas mit sich bringt, während bei großen Rassen eine Verschiebung der Gonadektomie bis zur Skelettreife (12–18 Monate) sowohl hinsichtlich der Gewichtskontrolle als auch für die orthopädische Gesundheit von Vorteil sein kann (2, 9).

Katzen und Diabetesrisiko

Kater sind in besonderem Maße betroffen und haben nach der Kastration ein etwa doppelt so hohes Risiko für insulinabhängigen Diabetes mellitus als intakte Kater oder kastrierte weibliche Katzen (7, 10). Vermittelt wird dieser Zusammenhang in erster Linie durch Adipositas, eine Rolle können aber auch direkte hormonelle Einflüsse auf die Insulinsensitivität spielen.

Insgesamt ist die Gonadektomie zwar eindeutig ein Risikofaktor für Adipositas, sie spielt aber keine zwangsläufige Rolle. Beeinflusst wird das Outcome nämlich auch durch die Body Condition des Tieres vor der Kastration, die Genetik, das Aktivitätsniveau und – insbesondere – die Fütterungsgewohnheiten der Tierhalter*innen (Tabelle 1).

 

Tabelle 1: Risikofaktoren für Adipositas nach Kastration.

Risikofaktor Gruppe(n) mit erhöhtem Risiko Anmerkungen/Evidenzen
Rasse/Größe Toyrassen/kleine Rassen Höhere Stoffwechselrate vor der Kastration → größerer Abfall des Energiebedarfs nach der Kastration
Große Rassen Risiko ähnlich wie bei kleinen Rassen laut Daten von Banfield
Riesenrassen Geringstes Risiko für Adipositas nach Kastration
Geschlecht Kastrierte Rüden Möglicherweise aufgrund größerer Stoffwechselveränderungen nach Testosteronverlust
Kastrierte Kater  ↑ Risiko für Adipositas und insulinabhängigen Diabetes
Alter bei der Kastration ≤1 Jahr (große Rassen) ca. zweifach höheres Risiko für Übergewicht im Vergleich zu intakten Tieren; jedes Jahr Verzögerung senkt Wahrscheinlichkeit um 70 %
Kleine Rassen Alter bei Kastration weniger bedeutend
Faktoren seitens der Halter*innen  Ad libitum Fütterung, kalorienreiche Nahrung, wenig Bewegung Modifizierbar durch Aufklärung und Follow-up

 

Strategien für das Gewichtsmanagement nach Kastration

Kalorienkontrolle

Die wirksamste präventive Maßnahme ist eine sofort nach dem chirurgischen Eingriff einsetzende Kalorienreduktion um 25–30 % (8, 11). Tierhalter*innen muss klar und deutlich vermittelt werden, dass die Ernährung ihres Tieres bereits ab Tag 1 nach der Kastration verändert und angepasst werden muss. Wird die Fütterung mit der gleichen Futtermenge und die gleiche Futterart wie zuvor fortgesetzt, ist eine Gewichtszunahme nahezu vorprogrammiert. Speziell für kastrierte Tiere formulierte Nahrungen haben in der Regel eine reduzierte Energiedichte sowie einen erhöhten Proteingehalt zum Erhalt der fettfreien Körpermasse und sind gelegentlich mit Fasern supplementiert, um die Sättigung zu fördern. Bei der Berechnung der Höhe der Tagesration für ein kastriertes Tier sollte man sich am Idealgewicht orientieren, und nicht an seinem aktuellen Gewicht. Das Fütterungsschema sollte regelmäßig im Abstand einiger Wochen überprüft und gegebenenfalls angepasst werden. Ein Beispiel: Eine Katze, bei der eine schlanke Body Condition vor der Kastration mit einer Tagesration von etwa 70 g ihrer Nahrung aufrechterhalten wurde, benötigt nach dem Eingriff möglicherweise nur noch 50–55 g dieser Nahrung pro Tag. 

Strukturierte Fütterung

Ad libitum-Fütterung trägt maßgeblich zur Entwicklung von Übergewicht und Adipositas nach einer Kastration bei, insbesondere bei Katzen (1, 11, 12). Hunde kommen in der Regel am besten mit zwei bis drei präzise abgemessenen Mahlzeiten pro Tag zurecht; Katzen profitieren von zwei bis vier kleineren über den Tag verteilten Mahlzeiten, die ihrem natürlichen Jagdrhythmus eher entsprechen. Digitale Küchenwaagen lassen eine genauere Abmessung der Rationen zu als Messbecher und helfen dabei, eine schleichende Erhöhung von Portionsgrößen im Laufe der Zeit zu vermeiden. Snack und Leckerchen sollten maximal 10 % der täglichen Kalorienzufuhr ausmachen, und müssen energetisch von der gesamten Tagesration abgezogen werden. Bei Hunden können kalorienarme, faserreiche Optionen wie grüne Bohnen oder Karotten zur Sättigung beitragen (Abbildung 2). Die separate Fütterung eines kastrierten Tieres in Haushalten mit mehreren Tieren vermeidet Probleme wie konkurrenzgetriebenes Überfressen und Futterdiebstahl (13). 

Ein Australian Shepherd hält einen Brokkoli im Maul
Abbildung 2. Snacks sollten maximal 10 % der täglichen Kalorienzufuhr eines Hundes ausmachen, und kalorienarme, faserreiche Optionen wie Gemüse können dazu beitragen, ein gutes Sättigungsgefühl zu gewährleisten. © Shutterstock

Förderung von Bewegung

Körperliche Aktivität hilft, die Muskelmasse zu erhalten, unterstützt die Gesundheit der Gelenke und sorgt für mentale Stimulation. Hunde sollten täglich mindestens 20 bis 30 Minuten in zügigem Tempo spazieren gehen oder spielen, angepasst an ihr Alter, ihre Rasse und ihren allgemeinen Gesundheitszustand (Abbildung 3). Aktivitäten wie Agility, Nasenarbeit oder Schwimmen eignen sich hervorragend für energiegeladene Hunderassen. Indoor-Katzen profitieren von vertikalen Klettermöglichkeiten, interaktiven Spielzeugen, Puzzle-Feedern und Veränderungen in ihrer Umgebung, wie z. B. der Verteilung von Futterstellen auf verschiedene Etagen, um körperliche Bewegung anzuregen. 

Ein Border Collie fängt eine fliegende Frisbee
Abbildung 3: Körperliche Aktivität hilft, die Muskelmasse zu erhalten, unterstützt die Gesundheit der Gelenke und sorgt für mentale Stimulation; tägliche Spaziergänge in zügigem Tempo oder intensives Spielen können für energiegeladene Rassen hervorragend geeignet sein. © Shutterstock

Überwachung und Follow-up

Wichtig ist eine Gewichtskontrolle innerhalb von 1-2 Monaten nach der Kastration (Abbildung 4) und kann zur Verbesserung der Compliance zum Beispiel mit einem Impftermin kombiniert werden. Mit Hilfe einer Skala für die Bestimmung des Body Condition Score haben entsprechend geschulte Tierhalter*innen die Möglichkeit, Veränderungen der Körperform ihres Tieres frühzeitig zu erkennen, und digitale Tools wie Apps zur Gewichtskontrolle können die Compliance zusätzlich verbessern. Im Falle einer persistierenden oder schnellen Gewichtszunahme kann die Anwendung einer speziellen Veterinär-Diätnahrung zur Gewichtsreduktion oder die Überweisung an Expert*innen wie einen Fachtierarzt oder ein Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik erforderlich sein.

Eine tiermedizinische Fachangestellte wiegt einen Dackel
Abbildung 4. Die Kontrolle des Körpergewichts innerhalb der ersten ein bis zwei Monate nach der Kastration ist wichtig, um die Gesundheit des Tieres zu überwachen und die Bedeutung eines positiven Gesundheitsmanagements zu betonen. Zur Verbesserung der Compliance kann das Follow-up mit einem Impftermin kombiniert werden. © Shutterstock

Weitere gesundheitliche Aspekte

Gewichtszunahme ist zwar eine der sichtbarsten und messbarsten Veränderungen nach der Kastration, es handelt sich aber bei weitem nicht um den einzigen langfristigen gesundheitlichen Aspekt. Bereits im Vorfeld einer Kastration sollte ein ausgewogenes Gespräch mit Tierhalter*innen erfolgen, das sowohl die Vorteile hinsichtlich Krankheitsprävention als auch die potenziell erhöhten Risiken für bestimmte Erkrankungen infolge einer Gonadektomie berücksichtigt.

Harninkontinenz

Eine der häufigsten nicht-metabolischen Komplikationen bei kastrierten Hündinnen ist die Urethral Sphincter Mechanism Incompetence (USMI), also eine Schwäche des Schließmuskelmechanismus der Harnröhre. Studien beschreiben eine Inzidenz der USMI von 3 bis 20 %, wobei größere Rassen wie Dobermann, Pinscher, Boxer und Bobtail überrepräsentiert sind (3, 14-16). Die Pathophysiologie ist multifaktoriell, man geht aber davon aus, dass ein verminderter Östrogenspiegel den Harnröhrentonus und die Responsivität auf sympathische Stimulation verringert. Der Zeitpunkt der Kastration könnte einen Einfluss auf das USMI-Risiko haben, denn einige Studien zeigen, dass eine frühe Kastration, insbesondere vor dem ersten Östrus, die Prävalenz von USMI geringgradig erhöht, obwohl die Ergebnisse nicht einheitlich sind (3, 14, 15). Adipositas verstärkt das Problem, da überschüssiges abdominales Fett den Druck auf Harnblase und Harnröhre erhöht und so die Harnleakage und damit die Inkontinenz verstärken kann. Glücklicherweise lässt sich eine USMI oft mit Hilfe einer Arzneimitteltherapie in den Griff bekommen. Phenylpropanolamin, ein Sympathomimetikum, erhöht den Tonus des Harnröhrenschließmuskels und gilt als First-Line-Behandlung bei USMI. In einigen Fällen kann die Sensitivität der Rezeptoren mit Hilfe einer Östrogensupplementierung wiederhergestellt werden. Eine wichtige Präventionsstrategie bleibt die Aufrechterhaltung einer schlanken Body Condition.

Neoplasien

Die Kastration steht in einem komplexen Zusammenhang mit dem Tumorrisiko. Auf der positiven Seite reduziert eine vor dem ersten Östrus durchgeführte Kastration das Risiko für maligne Mammatumoren bei Hunden um bis zu 90 % und bei Katzen um etwa 86 % (3, 9, 14, 17, 18). Bei Rüden verhindert die Kastration Hodentumoren vollständig und führt zu einer erheblichen Reduzierung der Inzidenz von benigner Prostatahyperplasie und Prostatitis. Dagegen werden bestimmte maligne Tumoren – Osteosarkom, Hämangiosarkom, Lymphom, Übergangszellkarzinom und Mastzelltumoren –bei kastrierten Kleintieren häufiger beschrieben (3, 9, 14, 17, 18). Die Gründe hierfür sind nicht vollständig geklärt, es könnte jedoch ein Zusammenhang mit dem Verlust einer hormonvermittelten Tumorsuppression, der Immunmodulation oder Veränderungen in der Wachstumsfaktoren- Signaltransduktion bestehen. Rassespezifische Muster spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. So zeigen beispielsweise Golden Retriever nach Gonadektomie ein deutlich erhöhtes Risiko für Hämangiosarkome, während Rottweiler nach einer Kastration ein erhöhtes Osteosarkom-Risiko aufweisen (Abbildung 5). Von entscheidender Bedeutung ist daher eine individuelle Risikobewertung in jedem Einzelfall. Bei Rassen mit bekannter Prädisposition für bestimmte Tumorarten, können eine spätere Kastration oder alternative Verfahren wie eine ovarienerhaltende Kastration (Hysterektomie, Salpingektomie) in Betracht gezogen werden.

Röntgenaufnahme mit osteolytischen Veränderungen am distalen Radius eines Hundes
Abbildung 5. Rottweiler haben nach einer Kastration ein erhöhtes Osteosarkom-Risiko. © Imaging Department Koret School of Veterinary Medicine Hebrew University

Orthopädische Probleme und Entwicklungsstörungen

Bei großen Rassen und Riesenrassen kann die frühzeitige Eliminierung von Sexualhormonen den Verschluss der Wachstumsfugen verzögern, was zu längeren Gliedmaßenknochen und einer veränderten Gelenkkonformation führt. Bei betroffenen Hunden können solche Veränderungen eine Prädisposition für eine Ruptur des vorderen Kreuzbandes, eine Hüftdysplasie und andere orthopädische Probleme darstellen (3, 5, 6, 14, 16). So zeigt beispielsweise eine retrospektive Studie mit Golden Retrievern, dass eine Kastration vor dem sechsten Lebensmonat die Inzidenz von vorderen Kreuzbandrupturen gegenüber intakten Hunden um nahezu das Fünffache erhöht. In ähnlicher Weise wird eine frühzeitige Kastration bei Deutschen Schäferhunden mit einer höheren Hüftdysplasie-Rate in Verbindung gebracht (Abbildung 6). Tierärzt*innen müssen diese Risiken abwägen gegen die Herausforderungen, die mit der Haltung und dem Management intakter Hunde großer Rassen verbunden sind, darunter die Gefahr einer unbeabsichtigten Fortpflanzung und das Risiko hormonell gesteuerten unerwünschten Verhaltens. In vielen Fällen kann eine Verschiebung der Kastration bis zum Alter von 12 bis 18 Monaten (d. h. bis zum Erreichen der Skelettreife) orthopädische Risiken verringern, ohne dadurch die Exposition gegenüber reproduktiven Erkrankungen über Gebühr zu verlängern.

Röntgenaufnahme mit Hüftdysplasie sowie sekundären Veränderungen des Femurkopfes und des Acetabulums bei einem Hund
Abbildung 6. Bei Deutschen Schäferhunden wird die frühzeitige Kastration mit einer höheren Hüftdysplasie-Rate in Verbindung gebracht. © Imaging Department Koret School of Veterinary Medicine Hebrew University

Endokrinopathien und Erkrankungen des Harntraktes

Kastrierte Hunde neigen eher dazu eine Hypothyreose zu entwickeln, die eine lebenslange Substitution von Schilddrüsenhormon erfordert (3, 5, 6, 14, 16). Der zugrundeliegende Mechanismus ist nicht vollständig geklärt, Sexualhormone können die Schilddrüsenfunktion aber direkt oder über eine Immunregulation beeinflussen. Bei Katzen sind sowohl der Kastrationsstatus als auch Adipositas bekannte Risikofaktoren für Erkrankungen der ableitenden Harnwege (FLUTD), möglicherweise aufgrund einer durch das erhöhte Körperfett veränderten Physiologie des Harntraktes. Wichtige präventive Maßnahmen gegen Erkrankungen der Harnwege sind die Förderung der Hydratation – durch Fütterung mit Feuchtnahrung, Trinkbrunnen oder mehrere Wassernäpfe – und die Aufrechterhaltung eines optimalen Körpergewichts.

Verhaltensänderungen

Viele Halter*innen lassen ihre Tiere kastrieren, weil sie sich positive Effekte auf das Verhalten erhoffen. Bei männlichen Tieren reduziert die Kastration in der Regel das Streunen, das Markieren und das Aufreiten sowie bestimmte Formen von Aggression. Bei weiblichen Tieren eliminiert die Kastration hormonell bedingte Verhaltensweisen im Zusammenhang mit dem Östrus. Einige Hunde und Katzen entwickeln nach der Kastration jedoch eine ruhigere oder trägere Lebensweise, die zu einer Verringerung der täglichen körperlichen Aktivität führt und damit zu einer Gewichtszunahme beitragen kann. Tierhalter*innen sollte empfohlen werden, regelmäßig mit ihren Tieren zu spielen, sie zu bewegen und zu trainieren, um sie auf diese Weise sowohl mental als auch körperlich aktiv zu halten.

Die Gonadektomie macht jedoch einige physiologische Kosten-Nutzen-Abwägungen erforderlich, denn die Entfernung der Keimdrüsen führt zu einem Verlust der endogenen Östrogen-, Progestagen- und Androgenproduktion mit Folgen für den Stoffwechsel, die Energiebilanz, die Entwicklung des muskuloskelettalen Systems und sogar die Immunfunktion.

Smadar Tal

Abwägen von Vorteilen und Risiken: Eine fallbasierte Herangehensweise

Die Kastration ist nach wie vor eine der wirksamsten Maßnahmen im Bereich öffentliche Gesundheit in der Tiermedizin. Durch Verhinderung ungeplanter Reproduktion reduziert sie die Anzahl herrenloser Tiere und die Belastung von Tierheimen. Aus medizinischer Sicht eliminiert die Kastration das Risiko einer Pyometra und führt zu einer signifikanten Verringerung des Risikos von Mammatumoren, zweier potenziell lebensbedrohlicher Erkrankungen (15). Zudem eliminiert die Kastration das Risiko von Hodentumoren, verringert hormonell getriebene Verhaltensweisen und kann zu einer längeren durchschnittlichen Lebenserwartung beitragen (8). Wie bei jeder medizinischen Intervention gibt es jedoch auch hier Nachteile. Insbesondere das Potenzial für eine postoperative Gewichtszunahme, orthopädische Veränderungen, bestimmte Tumorarten und Harninkontinenz muss gegen die oben genannten Vorteile der Kastration abgewogen werden. Wichtig ist, dass die meisten dieser potenziellen Nachteile oder Risiken durch ein proaktives Management gemindert werden können, insbesondere durch Aufrechterhaltung einer schlanken Body Condition. Selbst bei Rassen mit erhöhtem Tumorrisiko nach Kastration kann das absolute Lebenszeitrisiko (also die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des gesamten Lebens an einer bestimmten Krankheit zu erkranken) durch die Vorteile für die reproduktive Gesundheit aufgewogen werden, wenn Adipositas und andere modifizierbare Faktoren erfolgreich kontrolliert werden (19).

Tierärzt*innen sind in der einzigartigen Position, Tierhalter*innen bei der Entscheidung fundiert und effektiv zu unterstützen. Eine offene, evidenzbasierte Diskussion, die wichtige Faktoren wie Rasse, Körpergröße, Geschlecht, Alter und den Gesundheitszustand des Tieres, aber auch den Lebensstil und die Fähigkeiten der Tierhalter*innen berücksichtigt, ist dabei weitaus wertvoller als eine pauschale Empfehlung pro oder kontra Kastration. Die WSAVA-Leitlinien empfehlen ausdrücklich, Entscheidungen zur Kastration stets individuell auf jedes einzelne Tier abzustimmen (1). Zum Beispiel:

  • Golden Retriever – Tierhalter*innen sollten über das Hämangiosarkom-Risiko und die Bedeutung der Gewichtskontrolle bei dieser Rasse aufgeklärt werden, wobei in Abwägung von Tumorrisiken und der Risiken zukünftiger orthopädischer Probleme eine Verschiebung der Kastration in Betracht gezogen werden kann.
  • Deutsche Doggen – Eine Verschiebung der Kastration bis nach Erreichen der Skelettreife kann das Risiko für orthopädische Probleme senken.
  • Katzen – Eine frühzeitige Kastration wird nach wie vor zur Populationskontrolle empfohlen, insbesondere aus Gründen des Tierschutzes und des Tierwohls, Katzenhalter*innen sollten aber über Strategien zur Vorbeugung von Adipositas beraten werden.
  • Arbeits- oder Leistungshunde – Hormonelle Einflüsse auf die Muskelmasse und den Antrieb können eine zeitliche Anpassung erforderlich machen, um die Funktion zu erhalten.

 

In einigen Fällen können Alternativen wie eine Vasektomie oder eine ovarienerhaltende Kastration (Salpingektomie, Hysterektomie) die Reproduktion unterbinden und gleichzeitig die Hormonproduktion aufrechterhalten. Besonders relevant sind diese Verfahren für Hunde großer Rassen mit höherem Risiko für orthopädische Erkrankungen, sie schließen aber die Möglichkeit der Entstehung hormonabhängiger Erkrankungen wie Pyometra oder Mammatumoren nicht aus (20). Die Rolle praktischer Tierärzt*innen besteht darin, als sachkundige Berater*innen zu fungieren, Mythen wie „die Kastration macht Haustiere automatisch dick” zu widerlegen und Adipositas als eine vermeidbare und von Halter*innen bewältigbare Erkrankung darzustellen (21). Individuell maßgeschneiderte Ernährungspläne, Tabellen für das Body Condition Scoring und strukturierte Follow-ups tragen dazu bei, dass Hunde und Katzen ein gesundes Gewicht halten, und eine proaktive Überwachungsstrategie – insbesondere während der ersten sechs Monate nach der Kastration – kann verhindern, dass geringgradige, frühe Gewichtszunahmen zur Entwicklung einer manifesten Adipositas führen. Eine Aufklärung über Beschränkungen von Snacks, die Kontrolle der Tagesrationen und tägliche körperliche Aktivität sollte integraler Bestandteil jedes Gesprächs bei der Entlassung kastrierter Hunde und Katzen sein (Tabelle 2).

 

Tabelle 2. Wichtige Maßnahmen zur Gewichtskontrolle nach Kastration.

Strategie Tipps zur Umsetzung
Kalorienreduktion (4, 8, 11) Reduzierung der Kalorienzufuhr unmittelbar nach der Kastration um 25–30 %; Mahlzeiten abmessen
Strukturierte Fütterung (1, 11–13)

Hunde: 2–3 Mahlzeiten/Tag

Katzen: 2–4 kleinere Mahlzeiten; ad libitum Fütterung vermeiden

Auswahl der Nahrung (8,11) Diätnahrungen zur Gewichtskontrolle: geringere Fett-/Kaloriendichte, höherer Proteingehalt
Bewegung/Anreicherung der Umwelt (8)

Hunde: täglich 20–30 Minuten zügiges Spazierengehen/Spielen

Katzen: Kletterbäume, Puzzle Feeder

Überwachung (8,13) Gewichtsüberprüfung 1–2 Monate nach der Kastration; Body Condition Scoring

 

Schlussfolgerung

Die Kastration ist und bleibt ein wichtiger Eckpfeiler einer verantwortungsvollen Tierhaltung und einer wirksamen Populationskontrolle. Sie bietet erhebliche Vorteile sowohl für die Gesundheit einzelner Tiere als auch für das Tierwohl im umfassenderen Sinn. Der Eingriff führt jedoch auch zu physiologischen Veränderungen, die Hunde und Katzen für eine Gewichtszunahme und andere Gesundheitsprobleme prädisponieren können. Mit Hilfe einer individuellen Herangehensweise, die Faktoren wie Rasse, Körpergröße, Geschlecht, Alter sowie Lebensstil und Fähigkeiten der Halter*innen berücksichtigt, können Tierärzt*innen die Vorteile der Kastration maximieren und ihre Risiken minimieren. Von zentraler Bedeutung ist die Prävention von Adipositas durch frühzeitige Anpassung der Kalorienzufuhr, strukturierte Fütterung, regelmäßige Bewegung und eine kontinuierliche Überwachung. Mit Hilfe dieser Strategien können Kleintiere die Vorteile der Kastration in Bezug auf Gesundheit und Langlebigkeit voll ausschöpfen, ohne unter vermeidbaren Adipositas-assoziierten Komplikationen zu leiden.

 

Literatur

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Smadar Tal

Smadar Tal

DVM, Dipl. ACT, Dipl. ECVR, PhD, Koret School of Veterinary Medicine, The Hebrew University of Jerusalem, Israel

Dr. Tal schloss ihr Tiermedizinstudium 1992 am Ontario Veterinary College in Kanada mit Auszeichnung ab und arbeitete in einer kanadischen Privatpraxis, bevor sie nach Israel zog, wo sie 22 Jahre lang eine erfolgreiche Kleintierpraxis betrieb. Im Jahr 2011 wurde sie Diplomate des American College of Theriogenologists und erwarb 2014 ihr Diplom des European College of Veterinary Reproduction. Dr. Tal promovierte (PhD) 2023 an der The Hebrew University im Bereich Animal Reproductive Biology and Genetics. Derzeit leitet sie das Small Animal Theriogenolgy Department an der Koret School of Veterinary Medicine. Ihre wissenschaftlichen Interessen umfassen verschiedene Aspekte der Gravidität und Neonatologie bei Hunden sowie klinische Forschung bei Wildtieren.

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